„Aus einer kleinen Anekdote kann ein guter Roman werden“

Julie Chauvet in ihrem Heimatort Bourcefranc

Ihre jugendlichen Helden bestehen Abenteuer im Alltag. Mit lebensnahen Geschichten bringt die deutsch-französische Autorin Julie Chauvet Kindern und Jugendlichen ihre Muttersprache näher. Wir sprachen mit Julie Chauvet über Ihre Arbeit.

Extra Update: Ihre aktuellen Jugendromane „L’inconnue du TGV“ und „Marie et l’hypnotiseur“ richten sich an Kinder und Jugendliche, die Französisch in der Schule lernen. Wie sind Sie darauf kommen, sich dieser Zielgruppe zuzuwenden?
Julie Chauvet: Da ich in Frankreich schon einen Jugendroman veröffentlicht habe und in Deutschland lebe, ist der Klettverlag auf mich aufmerksam geworden und hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, für deutsche Jugendliche zu schreiben. Als Französin, die seit 18 Jahren in Deutschland lebt, weiß ich aus eigener Erfahrung, dass das Lernen einer Fremdsprache manchmal mühsam sein kann. Zum Glück gibt es heutzutage Mittel, die dabei helfen können. Kleine angepasste Romane erhöhen bei Kindern und Jugendlichen die Motivation. Ich habe mich also für Klett sofort an die Arbeit gemacht, mit dem Ziel, deutsche Schüler für die französische Sprache zu begeistern.

Wie kommen Sie auf die Ideen für Ihre Romane?
Als Mutter von zwei Grundschulkindern bin ich täglich mit der Welt der Kinder konfrontiert. Es ist sehr inspirierend. Dazu kommt, dass ich selber eine sehr abenteuerliche Kindheit in einem Fischerdorf am Atlantik gehabt habe. Oft hole ich meine Inspiration aus dieser Zeit. Aber das wichtigste für meine Arbeit als Schriftstellerin ist es, die Welt und die Leute um mich herum zu beobachten. Aus jeder kleinen Anekdote kann ein guter Roman werden, wenn man ein bisschen Fantasie hat.

Was ist Ihnen persönlich bei Ihren Geschichten wichtig?
Mir ist es wichtig, den deutschen Schülern auch die kulturellen Hintergründe Frankreichs zu vermitteln. Es geht hier nicht nur um das Lernen der französischen Sprache. Es geht auch um das Entdecken der französische Kultur und der Lebensgewohnheiten. Da gehören die Musik, die Kunst, die Esskultur und vieles mehr dazu.

Gerade Schüler, die noch nicht lange Französisch lernen, haben noch keinen großen Wortschatz. Wie schaffen Sie es, trotzdem einen Spannungsbogen aufzubauen?
Sie würden staunen, was ein Schüler nach 2 Jahren schon gelernt hat! Auf jeden Fall genug Vokabeln, mit denen man eine Geschichte erzählen kann. Wichtig ist, dass man einfache grammatikalische Sätze schreibt. Es gibt auch Wörter, die „durchsichtig“ sind. Die Schüler können sie einfach aus der deutschen Sprache oder sogar aus der englischen Sprache ableiten.

Welche Vorgaben des Verlags müssen Sie dabei einhalten?
Der Verlag informiert mich über die Vokabelliste und die grammatikalischen Kenntnisse, die die Schüler schon gelernt haben. Ich darf aber auch neue Wörter einführen, die unten auf jeder Seite in der Übersetzung stehen. Zu viel darf es aber nicht werden, da es sonst die Lektüre stören würde. Auch die Länge des gesamten Textes ist begrenzt. Maximal 24 Seiten inklusive Verständnisübungen. Ansonsten bin ich relativ frei und schreibe einfach die Geschichte, die ich mir ausgedacht habe.

Wie lange dauert es, bis eine neue Geschichte fertig ist?
Es ist unterschiedlich. „L’inconnu(e) du TGV“ ist in einer Woche entstanden und wurde sofort ohne Veränderungen vom Verlag angenommen. Für „Marie et l’hypnotiseur“ war das eine lange Geburt. Ich hatte mich in meine Geschichte „verliebt“ und sie wurde viel zu lang. Zusammen mit meiner Lektorin haben wir sie verkürzen müssen. Nun wollte ich nicht alle spannende Details einfach so wegwerfen. Deswegen musste ich an der Umformulierung wochenlang arbeiten. Erstaunlicherweise hat es am Ende gut geklappt und ich habe es geschafft, einen kürzeren Text zu schreiben ohne meine Geschichte zu verändern.

Die beiden Jugendromane für Schüler wurden parallel mit einer Audio-CD herausgegeben. Was ist darauf zu hören und warum gibt es dieses zweite Medium überhaupt?
Wenn man eine Fremdsprache lernt, ist es wichtig, dass die Aussprache stimmt. Die Schüler haben die Möglichkeit den Text des Romans über die Audio-CD zu hören und dabei ihren Akzent zu verbessern. Die Sprecher sind natürlich Muttersprachler. Auf der CD meiner Romane ist auch meine eigene Stimme zu hören, da ich auch als Sprecherin für französische Texte arbeite.

Ihre methodischen Überlegungen kommen nicht von Ungefähr. Sie haben schon selbst Französisch im Gymnasium unterrichtet. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?
Obwohl ich keine gelernte Französischlehrerin bin, habe ich schon einmal für 6 Monate eine achte Klasse unterrichtet. Das Regierungspräsidium hatte mich darum gebeten. Es war richtig toll. Ich habe versucht, die Schüler für meine Sprache und mein Land zu begeistern. Wir haben viele französische Lieder gehört und dabei trotzdem schwierige grammatikalische Themen angesprochen. Auf jeden Fall habe ich erlebt, wie die Arbeit als Lehrer viele Vorbereitung und Kreativität verlangt. Wenn man als Lehrer in einer achten Klasse schlecht vorbereitet ist und unmotiviert kommt, lassen es einen die Schüler spüren und am Ende sind Lehrer und Schüler alle frustriert und unzufrieden. Ein guter Lehrer zu sein, ist eine anstrengende Arbeit.

Ihre Jugendromane sind nur ein Teil Ihrer Arbeit. Verraten Sie uns, an welchem Projekt Sie gerade arbeiten?
Zuletzt habe ich ein Theaterstück auf Deutsch geschrieben. Es nennt sich „Die Französin zwischen den Stühlen“ und erzählt die Geschichte der Caroline, einer in Deutschland lebenden Französin, die dem Geheimnis der ungleich anmutenden Kulturen partout auf die Schliche kommen will. Es hatte im Rahmen der Stuttgarter Französischen Wochen Premiere.

Wir danken Ihnen für das nette Gespräch und wünschen weiterhin viel Erfolg bei Ihrer Arbeit.

Bilder: Julie Chauvet in ihrem Heimatort Bourcefranc an der französichen Atlantikküste
Titel Jugendroman „L’inconnu(e) du TGV“, erschienen im Klett-Verlag
Titel Jugendroman „Marie et l’hypnotiseur“, erschienen im Klett-Verlag
Kinderzeichnung von Tizia (7) zu Jugendromanen im Unterricht

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