Trotz Corona: Zurück zum Kita-Regelbetrieb

Bis Mitte März 2020 lief der Betrieb in deutschen Kitas ganz normal. Doch dann kam der plötzliche Lockdown. Die Schließung der Einrichtungen zeichnete sich am 12. März ab und wurde danach innerhalb weniger Tage bundesweit vollzogen. Schutzschirme folgten, aber auch viele offene Fragen und natürlich die Unsicherheit, was denn nun werden sollte.

Vier Monate später trafen sich Inke Bestmann (Sozialpädagogische Assistentin) und Barbara Krunic (Niederlassungsleiterin) aus dem Hamburger Extra Team Kita zu einem Gespräch über Corona in Kitas, eigene Sorgen und Hoffnungen von Beschäftigten und den Weg zurück in eine neue Arbeitswelt – trotz und mit dem Coronavirus SARS-CoV-2.

Barbara Krunic: Frau Bestmann, im März wurden wir alle von der plötzlichen Kita-Schließung in Folge der Corona-Pandemie überrascht. Wie haben Sie diese Tage erlebt? 

Inke Bestmann: Bis kurz vor Schließung der Kitas schien das Virus noch ganz weit weg zu sein. Meine Arbeit aber auch meine Freizeit, wie zum Beispiel die Proben im Chor, liefen ganz normal. Und dann ganz plötzlich kamen die Nachrichten der Kita-Schließungen. Ich konnte erst gar nicht einordnen, was hier passierte. Ich dachte, ich spiele in einem Katastrophenfilm mit. Die schrecklichen Bilder aus Italien gingen mir nicht mehr aus dem Kopf. Alles war irgendwie gedämpft. Dazu kam dann ganz schnell die Erfahrung menschenleerer Straßen. Und mit der Maskenpflicht wurde die Situation noch intensiver sichtbar. 

Neben der reinen Frage, wie mit der neuen Lage umzugehen ist, kam natürlich auch echte Existenzangst auf. Was heißt eigentlich Kurzarbeit? Ich habe eine Freundin, die Mentaltrainerin ist. Sie hat mir sehr geholfen. Das ist übrigens der gleiche Mensch, der mir vor einigen Jahren geraten hat, bei Extra anzufangen – aber das ist eine andere Geschichte. Gut tat auf jeden Fall der Kontakt innerhalb unseres Teams, auch wenn er meist nur noch telefonisch stattfinden konnte. Ein wirklich schönes Erlebnis war die erste Online-Fortbildung der Extra Akademie. Da haben wir alle gesehen, dass es weitergeht – zwar neu und anders als gewohnt, aber eben weiter.

Hatten Sie trotz der Kontaktsperren die Möglichkeit, sich weiterhin mit Kolleginnen und Kollegen auszutauschen?  

In einigen Fällen ging das schon. Manche waren gerade in der ersten Zeit nach der Schließung traurig und wollten sich an einem Austausch oder auch an den Schulungen gar nicht beteiligen. Da habe ich dann auch versucht, eine positive Haltung zu vermitteln.  

Ist Ihnen das gelungen? 

Ich glaube schon. Wichtig war eben für uns alle, dem Tag weiterhin Struktur zu geben und die eigenen Sorgen zu verarbeiten. Anfangs wurde das von Woche zu Woche eher schwieriger. Wie sollte es wirtschaftlich für mich und Extra weitergehen? Natürlich fragt man sich, wie lange alle so eine Situation durchhalten können. Manchmal war ich abends ganz erschlagen und todmüde. Das geht ja auch heute noch Anderen so. Ich habe eine Freundin, die Stewardess ist. Ihr fehlen im Moment jegliche Perspektiven. Bei Extra half es allen, dass regelmäßig Informationen kamen. Ich habe da auch immer geantwortet und selbst Kontakt gehalten. So habe ich mich gut aufgehoben gefühlt.  

Einige unserer Kolleginnen und Kollegen sind auch heute immer noch in Kurzarbeit. Sie selbst konnten relativ schnell wieder den ersten Dienst übernehmen. Wie haben Sie den sogenannten Kita-Notbetrieb erlebt? 

Daran kann ich mich sehr genau erinnern, denn es ging für mich einen Tag vor meinem Geburtstag am 15. Mai wieder los. Die Einrichtung war noch im Notbetrieb. Das war schon eine sehr besondere Erfahrung, in der Zeit des strengsten Corona-Lockdowns in einer Kita zu arbeiten! Aber der Bedarf war einfach da und für die wenigen Kinder war das auch eine schwere Situation. Wir mussten kreativ werden, um den Kindern altersgerecht zu vermitteln, wie schell sich das unsichtbare Virus ausbreiten kann. Geschafft haben wir das mit Glitzer. Damit haben wir uns die Hände eingerieben und mit den Kindern beobachtet, wie sich der Glitzer auf uns selbst und im ganzen Raum verteilte. Übrigens war das auch für uns als Pädagoginnen eine interessante Erfahrung, zu sehen, wie schnell Viren und Bakterien in einem Raum plötzlich überall sind.  

Manchmal hatten wir in einer Gruppe nur zwei Kinder und die konnten das teilweise richtig genießen. Schließlich hatten sie jetzt die volle Aufmerksamkeit und brauchten einmal nicht zu teilen. Dann war es aber manchmal auch besonders schwer – besonders, wenn es Kinder nicht verstehen konnten, über Gruppengrenzen hinaus nicht zusammen spielen zu dürfen. Diese Regeln zu verstehen war besonders am Anfang für die Kinder schwer verständlich. Und offen gesagt, war es das für uns ja auch. 

Aus dem Notbetrieb ging es schrittweise zurück in eine neue Normalität. Was bedeutet das jetzt für den Kita-Alltag? 

Anfang Juni kam in Hamburg der erste spürbare Öffnungsschritt zu einem eingeschränkten Regelbetrieb. Für uns hieß das, mit einer Gruppengröße von 13 oder 14 Kindern pro Gruppe zu arbeiten. Wir haben durch späteres Kommen und früheres Gehen versucht, die Gruppengröße in Grenzen zu halten. Erst seit Mitte Juni sind wir wieder bei 20 Kindern pro Gruppe. Alle dürfen kommen – aber natürlich unter Auflagen.  Die Kinder dürfen weiterhin nur in ihrer Gruppe bleiben und das wird wohl leider noch länger so bleiben. Auch für die Eltern war das eine Umstellung. In meiner jetzigen Einrichtung müssen sie ihre Kinder vor der Tür verabschieden, denn die Garderoben sind einfach zu eng, um bei vielen Elternteilen den nötigen Abstand zu wahren. Mit den Kindern geht es erst einmal immer um das Händewaschen. Aber das nehmen sie insgesamt sehr gut an. Nur manchmal höre ich Beschwerden wie „Corona ist blöd.“ 

Na, das empfinden wir sicherlich alle gleich! Wie gehen Sie mit dem Thema Mund-Nase-Bedeckung und der Herausforderung von Mahlzeiten in der Kita um? 

Eine Mund-Nase-Bedeckung tragen wir in der Einrichtung nicht. Da bin ich auch sehr froh. Die Kinder müssen ja meine Mimik sehen. Und stellen Sie sich die Belastung vor, die entstehen würde, wenn Kinder ihre eigene Maske andauernd aufsetzen und abziehen würden. Das ist kaum vorstellbar. Mit den Mahlzeiten kommen wir recht gut klar. Die Kinder dürfen sich nur nicht mehr selbst Speisen aus den Schüsseln nehmen. Das übernehmen wir. Worauf wir auch achten ist, dass die Kindern nicht mehr ihre mitgebrachten Pausenbrote tauschen. Das sind einfach ganz konkrete Maßnahmen des Hygieneplans, den wir umsetzen. Ein weiteres Thema dabei ist auch der körperliche Kontakt. Wir haben lange diskutiert, ob oder wie der Kontakt zu Kindern oder unter den Kindern zu vermeiden oder zu reduzieren ist. Wir sind dabei allerdings nur zu dem Ergebnis gekommen, dass das einfach zu schwierig umzusetzen ist.  

Wir wissen im Moment ja alle nicht so richtig, wie es weitergeht. Welche Sicht haben Sie auf diese offene Frage? 

Ich glaube sagen zu dürfen, dass wir in wirklich allen Einrichtungen hoffen, dass es keine zweite Welle gibt. Wir gehen jetzt davon aus, dass es in den Kitas normal weiterläuft. Die Erfahrung mit den Eltern ist geteilt. Manche nehmen es sehr leicht, vielleicht zu leicht. Aber es gibt auch die sehr Vorsichtigen, die Ängste haben, zum Beispiel wenn es ihnen einmal zu eng wird. Ich tue selbst das, was Viele tun. Ich informiere mich, höre zum Beispiel die Corona-Podcasts von Christian Drosten im NDR. Persönlich bin ich einfach sehr sorgfältig. Ich gehe schon wieder zum Sport und fahre Bahn, aber ich wasche mir eben sehr häufig die Hände, achte insgesamt sehr auf Hygiene und habe die Corona Warn-App installiert.

Ich glaube, wir müssen einfach alle gemeinsam daran arbeiten, mit der neuen Situation umzugehen. Einen neuen Lockdown wollen wir nicht mehr erleben, denn die gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Schäden sehen wir ja.  

Rational sehe ich das genauso, doch was macht die Situation mit Ihnen persönlich? 

Manchmal merke ich, wie stark die Frage von Corona mich doch bewegt. Das Thema ist einfach immer präsent. Sonntag war ich erstmals wieder Zumba tanzen. Da fand ich den größeren Abstand eigentlich ganz gut. So wie auch in der Bahn. Wenn die beste Freundin einen dann aber nicht mehr in den Arm nehmen darf, ist das eher schwer. Auch mit meiner Mutter geht mir das so. Sie gehört zur Risikogruppe. Eine zeitlang hatte ich sie gar nicht besuchen dürfen und es hat mir sehr gefehlt, sie nicht in die Arme nehmen zu dürfen. Das sind oder waren die schwierigen Momente. Doch so hart das alles war, umso schöner ist es ja jetzt, trotz der noch bestehenden Einschränkungen. Ich genieße es, mich wieder mit anderen Menschen treffen zu können und auf die neue Freiheit anzustoßen! 

Vielen Dank für das interessante Gespräch Frau Bestmann und alles Gute in diesen außergewöhnlichen Zeiten!  

Bild: Inka Bestmann (rechts) mit Barbara Krunic vor dem Hamburger Extra Team Kita – Büro

[Tipp der Redaktion: Neben Inka Bestmann haben schon ganz viele Kolleginnen und Kollegen im Extra Team Kita die offizielle Corona-Warn-App auf ihrem Smartphone installiert. Mehr dazu im jeweiligen App-Store oder auf den Internetseiten des Robert-Koch-Instituts www.rki.de. Bleiben Sie gesund!]

Trotz Corona: Zurück zum Kita-Regelbetrieb

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